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Das sündige Herz Afghanistans

Wie eine Stammesgesellschaft mit der Kultur des Westens umgeht

Ein Film von Ghafoor Zamani | 3Sat 2007

 

Die traditionelle afghanische Kultur ist im Süden des Landes fast ganz ausgestorben, aus Angst vor radikalen Islamisten. Wenn überhaupt, findet Kultur in geschlossenen Räumen statt. Das so genannte westliche Kulturleben boomt dagegen im Norden und in der Hauptstadt. Die Verlockungen sind groß, ebenso wie der kulturelle Unterschied zum Westen. Am deutlichsten spürt man das während einer Fahrt im gläsernen Aufzug des "Kabul Center". Während unten auf der Straße vom Krieg verstümmelte Bettler liegen, führt eine kleine Minderheit ein Luxusleben. Zwei Herzen schlagen in Kabul: Einmal das Herz der konservativen, antiwestlichen, radikalen Islamisten. Sie wollen, dass Frauen wieder ganz verschleiert und nur in Begleitung eines Mannes vor die Tür gehen. Sie lehnen inzwischen jede Veränderung als Ausgeburt des Westens ab. Ihre Vorstellungen vom Islam unterscheiden sich nicht von denen der Taliban.

Westliches Leben mitten in Kabul

Nur 50 Meter Luftlinie von einer Moschee entfernt schlägt das Herz der modernen, weltoffenen und westlich orientierten Muslime: Das Kabul City Center. Wer ein bisschen vom westlichen "Way of Life" genießen will, ohne von Islamisten und Konservativen bedroht zu werden, sucht solche Orte auf. Frauen haben es besonders schwer, Freundinnen oder Freunde in einer lockeren Atmosphäre zu treffen. Für sie ist diese Insel der Moderne ein Stück Freiheit. Alkoholische Getränke gab es offiziell nur in den ersten drei Jahren nach dem Sturz der Taliban, heute werden nur noch alkoholfreie Getränke angeboten. Doch hinter vorgehaltener Hand kann man sich alles bestellen. Und auch die Supermärkte sind Zeugen des westlichen Virus, sagen die geistlichen Führer. Opium ist überall erhältlich. Daran stört sich hier niemand, obwohl der Koran alle Drogen verbietet.

Geistliche Führer: Alles Moderne ist gottlos und sündig

Maulawi Herati ist einer der wichtigsten geistlichen Führer in Kabul, entsprechend einem Ayatollah im Iran. Er kommt seit 40 Jahren jeden Tag aus einem kleinen Dorf am Stadtrand in seine Moschee, direkt hinter dem Kabul Center. "Ich sage den Muslimen oft, dass die fremde, westliche Kultur im krassen Widerspruch zur islamischen Kultur steht", erklärt er. "Mein Turban ist wie meine Ehre. Ohne Turban sehe ich hässlich aus, aber mit meinem Turban sehe ich schön aus. Diese Ehre schenkt uns der Islam." Seinen Taliban - seinen Koranschülern - bringt er täglich bei, dass nur die geringste Abweichung vom Islam dem Verlust der Ehre gleichkommt. "Die gottlosen Kommunisten waren nicht so schlimme Verbrecher, wie der Westen", sagt er. "Der ist viel schlimmer. Im Namen der Hilfe verbreiten sie in Wirklichkeit Prostitution, antiislamische Sitten. Sie werden dafür bestraft. Gottlos und sündig und damit unislamisch ist alles, was modern und damit westlich ist. Jede Abweichung von der konservativen Praxis und Tradition ist Satanswerk. Orte wie das Kabul City Center sind ein Symbol dafür. Ohne militärische Sicherheit würde diese Form der Freiheit ganz schnell verschwinden. Und nebenan bestimmt die Armut den Alltag der Menschen. Die Mehrheit der Afghanen ist erschreckend arm.

Überall schlägt den Armen der Reichtum entgegen

Ein Schuhputzer kann sich nicht einmal mit dem Lohn einer Woche einen Hamburger von gegenüber leisten. Das Schlimmste ist für die Armen, dass ihnen der Reichtum überall entgegenschlägt. Der Duft des Westens weht mittlerweile durch fast jedes Geschäft und vermischt sich langsam mit der alten afghanischen Duftnote. Es bildet sich eine ganz eigene Essenz. Die Vermischung der beiden Kultur-Einflüsse wird immer stärker und ist überall sichtbar. Sogar Unterhosen sind in Mode gekommen. Der Afghane trägt normalerweise nur Pluderhose und Hemd. Selbst auf den alten Basaren am Kabuler Fluss hat sich eine afghanische Multikulti-Konsumwelt gebildet. Hollywood kommt durch Bollywood nach Afghanistan. Nicht islamische heilige Krieger werden angebetet, sondern Kinostars. Je freizügiger angezogen, umso beliebter.

Überreste aus dem Krieg wirken wie Mahnmale

Den liberalen Muslim stört es nicht, dass die heiligen Koransuren direkt neben einem Kinostar hängen. Die Überreste aus den letzten Kriegen gegen die westliche Kultur wirken wie ein Mahnmal und zeigen, was die islamischen Krieger mit Orten wie diesem Kino machen. Doch die Sehnsucht nach westlichen Filmen lies die Kinos neu erstehen. Der Stadtteil New-City war schon in den 1960er Jahren die Kulturhochburg der westlich orientierten Muslime. Er wurde nach dem Sturz der Taliban reanimiert. Mittlerweile aber stellt das Fernsehen den viel größeren Angriff auf die islamischen Werte dar. Über die Mattscheibe flimmern Erotikfilme und offenbaren selbst die intimsten Details - ganz öffentlich. Jeder hier denkt, so sieht das wirkliche Leben im Westen aus.

Satellitenschüsseln bringen den Westen in die Dörfer

Selbst gemachte Satellitenschüsseln aus Blechdosen bringen die Traumwelt in die entlegensten Dörfer Afghanistans. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. Die Faszination der Bilder aus der fremden satanischen Welt wird zum Vorbild. Das bringt die konservativen Geistlichen auf die Barrikaden, besonders, wenn die Jugendlichen über das Fernsehen die fünf täglichen Gebetsrituale verpassen. Maulawi Herati berichtet: "Ich wollte in den Westen fliegen, alle Papiere waren fertig, sogar die ADAC-Unterlagen. Wenn die Ungläubigen im Westen nicht gegen den Islam sind, warum haben sie mir dann kein Visum gegeben. Viele Muslime aus dem Westen rufen mich an, dass sie meine Freitagsrede auf CD gehört haben. Mein Wort ist Gottes- und Prophetenwort. Heute herrscht die Welt des Internet. Wir wissen alles. Gott bestraft Euch. Es kann unter Eurem Fuß eine Mine explodieren oder vom Himmel aus werden Eure Hochhäuser bombardiert, oder jemand erschießt Euch von der Seite." Durch solche Drohungen von Hasspredigern lassen sich Millionen Afghanen ihren Spaß am Leben nicht mehr verderben. Moderne Kultur, wie Musik und Tanz, ist heute wieder ein fester Bestandteil im Alltag Afghanistans. Beim Sommerfest von "Radio Kabul" singt ein Junge vom Tod und dem leidvollen Kummer, den die radikalen Islamisten und die Taliban über das afghanische Volk gebracht haben. Solange die Kalaschnikow im afghanischen Alltag eine Hauptrolle spielt, wird der Kampf zwischen Gewalt und Freiheit noch lange andauern.

 

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