Der paschtunische Gandhi
Friedensbewegung im Kriegsland
Ein Film von Ghafoor Zamani | 3Sat | 2008
Während man sich in Europa vor der Islamisierung fürchtet, kämpfen in muslimischen Ländern Menschen mit dem Einsatz ihres Lebens gegen die "Talibanisierung". Oft entstammen sie elitären Familien mit politischer Tradition, wie Benazir Bhutto. Bashir Bilour Khan aus Peschawar an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ist Anführer der größten Friedensbewegung in der Region. Sein Anliegen ist eine Verbindung zwischen Islam und Gewaltlosigkeit.
Schon sein Onkel organisierte zusammen mit Mahatma Gandhi friedliche Protestmärsche gegen die britischen Kolonialisten. Heute nun kämpft der Neffe gegen Fanatismus und gegen die Vernichtung von Bildung und Kultur. Die Felsschlucht am Khyberpass ist der wichtigste Durchgang zwischen dem indischen Subkontinent und Zentralasien. Schon vor 3500 Jahren sind die arischen Völker über diesen Weg nach Nordindien eingewandert. Etwa 30 Millionen Paschtunen leben heute auf beiden Seiten der 2500 Kilometer langen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan. Krieg hat das Leben der Menschen in diesem wilden Stammesgebiet "Paschtunistan" geprägt.
Die gefährlichste Region der Welt
Waffenproduktion gehört hier zum normalen Handwerk. Früher wurden nur einfache Gewehre und Schwerter hergestellt, heute reicht die Palette von Kalaschnikows bis zu Kanonen. Waffen sind die selbstverständlichen Requisiten des Mannes. Das Feindbild dieser Stämme wechselt ständig, für den Westen ist das undurchschaubar. Ein quasi exterritoriales Gebiet, Hochburg der Taliban und von El Kaida. Das Stammesgebiet ist heute die gefährlichste Region der Welt. "Zutritt für Ausländer verboten", steht auf dem Schild an der Grenze. Peschawar, die ehemalige Garnisonsstadt, ist Hauptstadt der Paschtunen. Von hier aus führten die westlichen Mächte viele Kriege, früher gegen russische Zaren und später gegen die Kommunisten in Afghanistan. Heute regieren in Peschawar die Islamisten.
Wer auch immer mit dem Mord an Benazir Bhutto den westlichen Einfluss stoppen wollte, rekrutiert seine Fanatiker aus den Reihen der paschtunischen Koranschulen. Äußerlich unterscheiden sich die radikalen und die liberalen Muslime nicht voneinander. Der tägliche Gang zur Moschee ist für alle Pflicht. Doch was dort propagiert wird, ist entscheidend, vor allem für Kinder und Jugendliche. Mit fünf Jahren werden sie Koranschüler, mit zwölf Jahren wie Erwachsene behandelt. Zum Zeichen wickelt der Imam ihnen dann ihren ersten Taliban-Turban. Mädchen und Frauen bleiben draußen, sie können keine Taliban werden.
Einer kämpfte mit Gandhi für den Frieden
Die pakistanischen Buchhandlungen sind voller Bücher über Paschtunen und ihre heiligen Kriege gegen fremde Mächte. Mal werden die Paschtunen verehrt, weil sie ihre Heimat lieben - oder, weil sie gegen Kommunisten kämpfen. Mal werden sie als die brutalen Krieger dargestellt, die mit ihren arabischen Brüdern sympathisieren statt mit dem Westen. Soldaten, Offiziere und heilige Krieger aus aller Herren Ländern schreiben Tagebücher über ihre kriegerischen Erfahrungen mit den Paschtunen. Es geht immer um den Krieg, außer im Buch: "Der unbewaffnete Paschtune". Es handelt sich um eine Friedensbewegung, denn nicht alle Paschtunen sind kriegerisch. Es gab vor 100 Jahren einen Mann unter den Paschtunen, der Seite an Seite mit Ghandi für Unabhängigkeit und Demokratie mit friedlichen Mitteln gegen die britische Kolonialmacht gekämpft hat. Khan Abdul Ghafar Khan ist sein Name. Unabhängigkeit und Bildung waren seine Maxime. Er wurde als der "paschtunische Gandhi" bekannt.
"Es geht um die Geschichte der unbewaffneten Paschtunen, eine politische Bewegung", erläutert ein Buchhändler. "Sie haben nie mit Gewalt gekämpft. Wir haben mehr als 200 Bücher über Paschtunen, ebenso über Afghanistan. Wenn jemand sie angereift, haben sie das Recht, sich zu verteidigen. Ansonsten sind die Paschtunen ein friedliches Volk." Trotz Krieg und Terror in Pakistan, lebt Gandihs Erbe bis heute weiter. Ein Drittel der Paschtunen unterstützt die Friedensbewegung. In einer Villa am Rande der Stadt lebt einer der führenden Köpfe der Bewegung. Bashir Bilour Khan ist der Neffe von Ghafar Khan. Seine Residenz zeugt von einem modernen Stammesverhältnis. Er studierte islamisches Recht und hält oft Aufklärungsvorträge darüber. "Islam bedeutet nicht Hände abhacken, steinigen oder andere Menschen zu Terrorisieren ausbilden, sondern das Sozialleben des Staates zu fördern", sagt Bashir Bilour. "Islam heißt, armen Menschen zu helfen."
In Pakistan muss auch über eine friedliche Bewegung dem Geheimdienst per Satellitentelefon berichtet werden. Überall tickt die islamistische Bombe. Zu Bilours Hilfsaktionen gehört es, Schulen zu besuchen. Eine relative Sicherheit bietet der Friedensbewegung Bilours angesehene Position unter den Paschtunen. Seine "Nationale Volkspartei" ist die einzige nichtreligiöse Partei, die jeden Krieg ablehnt. Das weiß und schätzt jeder in der Stadt. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehört es, regelmäßig einen Friedensmarsch durch Peschawars Gassen zu führen, um wie Gandhi und sein Onkel Ghafar Khan über die Probleme mit den Menschen zu reden.
Kultur als Heilmittel gegen den Islamismus
Khan und seine Leute haben viel vor: Ein Theater und eine Kunstschule sollen entstehen. Die islamistische Regierung von Peschawar vernachlässigt alles, was mit moderner Kultur zu tun hat. Bilour Khan hingegen sieht die kulturellen Einrichtungen als eine wichtige Maßnahme im Kampf gegen den militanten Islamismus. Nach dem Mord an Bhutto ist heute keine friedliche Versammlung mehr ohne Militär und Polizei vorstellbar. Durch ihre aktive Sozialarbeit gewann die Friedensbewegung über Jahrzehnte die Familien und Stadtteile für sich. Dadurch ist Bilour Khan ein Politiker, der immer beliebter wird. Die Schule die er gerade besucht, ist das Gegenteil einer Koranschule. In solchen Schulen stehen Fächer wie Mathematik, Physik und Englisch auf dem Lehrplan.
"Das Hauptproblem ist das Militär", meint Bashir Bilour. "Die Regierung verschwendet viel Geld für Waffen und Verteidigung. Da bleibt nichts mehr übrig für Bildung und Gesundheit. In den Koranschulen wird nur Religion unterrichtet, sie machen aus den Schülern Taliban. Wir helfen diesen armen Kindern, damit sie ein gutes allgemeines Grundwissen bekommen. Sie erreichen damit nicht die Hochschulen, aber sie werden gute Bürger des Landes." Auch die Bundesrepublik unterstützt die Bewegung. Die paschtunische Friedensbewegung hat es schwer, sich gegen die radikalen Islamisten durchzusetzen. Und Bashir Bilour hat noch einen langen Marsch vor sich, Gandhis Erbe durchzusetzen.








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